Von den Entbehrungen gezeichnet, kehrte Karl Reinthaler 1945 nach Saalfelden zurück. Der militärischen Kapitulation im Jahr 1945 folgte jedoch keineswegs die allgemein verbreitete Einsicht über den Irrweg des Nationalsozialismus. Die “Stunde Null” , den vollständigen Bruch mit der NS-Vergangenheit, gab es auf der Ebene der Verfassung und der Ordnung der Institutionen, nicht aber bei den Mentalitäten und Einstellungen. Die tiefen und weitverbreiteten gesellschaftlichen Gräben, die bereits während der 1. Republik durch Ausgrenzung und Argwohn sichtbar wurden, konnte nicht in einer kurzen Übergangszeit verschwinden.

Und die Entnazifizierung bedeutete in Saalfelden keineswegs nur einen rein bürokratischen Vorgang: Opfer und Täter waren in der damals 5.000 Einwohner zählenden Gemeinde einfach räumlich und persönlich viel zu eng miteinander verbunden. Während rechtliche und politische Konsequenzen unmittelbar nach Kriegsende zu greifen begannen, wurden die sozialen Auswirkungen zu ignorieren versucht und blieben oftmals ungeklärt. Trotz dieser schwierigen Lage hielt Karl Reinthaler an seinem Entschluss fest, für die Allgemeinheit Positives bewirken zu wollen.

So wurde er 1945 in den Saalfeldener Gemeindevorstand sowie in den Salzburger Landtag gewählt. Schwerer Rheumatismus zwang ihn jedoch, bereits 1948 seine Tätigkeit als Landtagsabgeordneter wieder zurückzulegen. Es folgten sechszehn Jahre als Fraktionsobmann der SPÖ und acht Jahre als Vizebürgermeister von Saalfelden, in denen er als Rechts- und Schulreferent auf sich aufmerksam machen konnte.

 

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Karl Reinthaler als Abgeordneter im Salzburger Landtag (letzte Reihe, 4. v. r.).

 

Zudem engagierte er sich ab Beginn der 1950er Jahre intensiv in der Gewerkschaftsbewegung. In Saalfelden bekleidete er die Funktion des Bildungsreferenten und übernahm zusätzlich die Funktion des Obmanns der Eisenbahnergewerkschaft. Auch an der Gründung der Gewerkschaftsjugend 1955 war er maßgeblich beteiligt.

Besonders engagiert zeigte sich Reinthaler bei der Gründung des Gewerkschaftsheimes. Bis 1959 diente lediglich ein Raum in einer Gaststätte als offizielles Vereinslokal, was jedoch mit erheblichen Unannehmlichkeiten verbunden war: Lehrherren kontrollierten die Sitzungen, um die eigenen Lehrbuben davon abzuhalten, sich gewerkschaftlich zu betätigen. Als ein Rohbau in der Bahnhofstraße aus finanziellen Gründen nicht mehr fertig gestellt werden konnte, bewog Reinthaler die Salzburger Arbeiterkammer dazu, das Haus günstig zu erwerben und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund zur Verfügung zu stellen. Nach dem erfolgreichen Kauf gründete Reinthaler in den neuen Räumlichkeiten unter anderem eine Gewerkschaftsbibliothek, die er und ehrenamtliche Helfer jahrzehntelang betreuten.

In den Jahren 1952 und 1953 absolvierte er die Sozialakademie in Wien. Beruflich arbeitete Reinthaler bis zu seiner Pensionierung aus Krankheitsgründen im Jahr 1960 als Lokführer bei den Österreichischen Bundesbahnen.

1972 begann sein “dichtester Lebensabschnitt”: Er folgte Adam Pichler ins Amt des Bürgermeisters nach. In seiner Amtszeit verzeichnete Saalfelden grundlegende Veränderungen, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckten. Das Altersheim wurde ausgebaut, Schulen erweitert, ein Rehabilitationszentrum errichtet und der Reinhalteverband gegründet. Doch die mit Freude übernommene Belastung wurde zur Überlastung. Die Ärzte diagnostizierten Dickdarmkrebs und Karl musste nach fünfeinhalbjähriger Amtszeit als Bürgermeister zurücktreten.

 

vap-auszeichnungKarl Reinthaler (1. Reihe, links) bei einer Verleihung der „Viktor-Adler-Plakette“
an FunktionärInnen der SPÖ Pinzgau (2. Hälfte der 1990er Jahre).

 

In der Bevölkerung war der Politiker Reinthaler außerordentlich beliebt, zumal er die alltäglichen Anliegen nie aus den Augen verlor. Seine feinfühlige und vorsichtige Art, Entscheidungen zu treffen, brachten ihm einen besonderes Bonus in der Bevölkerung ein. Reinthaler, dem selbst großes Unrecht widerfahren war, wägte aufgrund seiner Lebensgeschichte jede noch so kleine Handlung sorgfältig ab, um Ungerechtigkeiten weitestgehend ausschließen zu können.